Charles Berlin - Text

DIE LETZTE PARTY

Sie war eine elegante Erscheinung mit ihren achtundachtzig Jahren. Er etwas Jünger, gepflegt, aber immer zwischen dem Zwang der Bequeme und der eigenen Eitelkeit. Sie hatte es schon längst aufgegeben ihm zu erklären, dass für sie, sein Anblick in der Jogginghose unakzeptabel sei. Immerhin, wenn sie in die Öffentlichkeit traten, waren sie beide gut gekleidet und er machte ihr keine Schande. Dafür liebte er sie viel zu sehr. Nie hätte er gedacht, dass er mit seiner Partnerin so alt werden würde, als sie sich vor über vierzig Jahren kennen lernten. Schon damals wirkte sie für ihn jugendlich und frisch, und wenn er sie heute betrachtet, hat sich nichts an seinem Bild geändert. Was sie allerdings in ihm sah, blieb ihm ein Rätsel. Sie dagegen wusste genau warum sie all die Jahre zu ihm gehalten hatte, was oft gar nicht so einfach war.

Überhaupt war ihr Leben nie einfach gewesen, oft hatten sie Zeiten der großen Entbehrungen durchstehen müssen, oft waren sie zutiefst verzweifelt. Das Einzige was ihnen dann blieb, war ihre gegenseitige Unterstützung und die gemeinsame Hoffnung, gestärkt aus ihrer Erfahrung, dass sie auch dieses Tal durchwandern würden. Welche tollen Jobs sie schon hatten, welche großen Pläne sie umsetzten und welchen Lebensgefahren sie schon trotzten. Nicht ein Tag ihres Lebens war je langweilig.

Sie hatten für sich eine Balance zwischen Vorteil und Nachteil, zwischen Sanftmut und Kritik, zwischen Richtig und Falsch und vor allem zwischen Sein und Bewusstsein miteinander entwickelt. Beiden war auch klar, dass ein Leben endlich ist.

Wie oft hatte er als Barkeeper mit seinen späten Gästen darüber schon philosophiert, wie oft hatte sie als Journalistin mit empfindsamen Künstlern darüber, wenn das Mikrofon verstaut war, sich ausgetauscht. Von wie vielen Menschen hatten sie Einblick in deren Leben bekommen. Nicht ohne Grund waren sie all die Jahre in ihren Kreisen beliebt und auch geachtet.

Schleichend jedoch verabschiedeten sich beide nach und nach aus der Öffentlichkeit und überließen ihre Wirkstätten denen, die mit der selben diebischen Freude ihrer Zukunft etwas abgewinnen wollten, wie sie es einst taten. Nur noch bei einigen großen Anlässen konnte man sie antreffen, doch viele kannten sie nur noch vom Hörensagen und wussten gar nicht wie sie aussahen. Weder sie noch er legten wert darauf erkannt zu werden. Sie waren beide lang genug im Mittelpunkt gestanden und sich einig, welche befriedigende Freiheit die Anonymität birgt.

Vor acht Jahren hatte Sie dass letzte mal der Kabarettszene ein läuterndes Beispiel ihres scharfen Verstandes aufgesetzt, indem sie ein Buch veröffentlichte. Zum 80sten, hatte sie es heimlich auf den Markt gebracht. „Kabarett, zwischen wollen und können“. Durchgedreht sind sie. Bei der Buchmesse in Frankfurt und Leipzig jagte ein Interview das andere. Viele alte Weggefährten meldeten sich, manchmal auch nur ihre übriggebliebenen Kinder. Es war einerseits ein Genuss, andererseits eine Tortour. Sie meisterte es mit Bravour und er unterstützte sie. Das hatten sie geübt, als er sein Werk „Der Barkeeper“ veröffentlichte, selbes Spiel nur andersherum und nicht so viel Interesse, eben gut zum üben.
 
Seit diesem Jahr hatten sich beide nicht mehr die Haare gefärbt und nur noch unter Synonymen veröffentlicht. Der Zahn der Zeit hatte auch vor ihnen nicht halt gemacht und obwohl sie noch immer selbstständig in ihrer Kreuzberger Wohnnung im 4. Stock lebten, die seit der Gentrifizierung in den Zweitausendzwanzigern einen Fahrstuhl besaß, hatte sich die Lebensqualität für sie erheblich verschlechtert.
Seit wenigstens fünfundzwanzig Jahren besaßen sie ein kleines Häuschen in der Oberpfalz und meistens, jedenfalls in den letzten zehn Jahren, waren dort Freunde mit ihren Familien als Gast. Sie selber hatten, seit dem der Führerschein weg und die Tiere verstorben waren, keine so großen Anlass mehr dieses Kleinod zu bewohnen. Wie viele Vorteile mehr bot doch diese Stadt.

Früher, da konnten sie nicht oft genug auf ihrem nordbayrischen Anwesen, nahe der Tschechischen Grenze, ihre Zeit verbringen. Welche Freude für die Katzen und Hunde frei herumzuspringen. Riesengroße Wälder, saftige Wiesen, unterschiedliche Felder und einen verborgenen See - gut es war nur ein etwas größerer Teich – waren es Wert, dort zur Erholung einzufallen. Diese Gegend hatten sie wahrlich sehr tief in ihr Herz geschlossen. Sie waren auch die Ersten, die dort Internet hatten und alle Dorfbewohner entdeckten durch sie Facebook. Auf ihrem Grundstück wuchsen rote und schwarze Johannisbeeren, Marillen, Äpfel, Birnen, Pflaumen gar Aprikosen. Aus all diesen Früchten fertigten sie Marmeladen, so viele, dass sie sie unter ihren Berliner Freunden verschenkten. Jedes Glas war dabei mit witzigen Sprüchen von Kabarettisten versehen. Für ihn waren die Kräuter wichtig und sein größter Stolz galt seiner Minze. Eine rotstielige Art, die jeden seiner Mojitos in ein  trinkbares Kunstwerk verwandelte. Beide liebten es im Wald die Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen zu sammeln. Säckeweise trockneten sie sie und alles Geerntete nahmen sie mit nach Berlin. Dafür brachten sie aus Berlin Kultur in die nahe Kreisstadt, veranstalteten eine Kabarettreihe, bei der einige TV-Grössen und interessante Newcomer sich die Bühne teilten.

Doch was nutzt alle Ökologie und Naturverbundenheit, wenn man Alt ist und schwächer wird. Die Ärzte für jedes Zipperlein sind in der Hauptstadt und dort mit der U-Bahn zu erreichen. Dort hingegen müsste man wenigstens nach Weiden oder sogar bis Regensburg fahren. Zwar gab es einen sympathischen Inder als Landarzt, jedoch verfügte er nur über sehr eingeschränkte Mittel und Geräte. Wie oft haben sie sich über derlei Versäumnisse in der Politik aufgeregt. So hatten sie einige wichtige Entscheidungen schon bei Zeiten besprochen und dann auch gefällt. Ihnen war klar, dass wenn es gegen Ende geht, man sich nicht dem Siechtum und der Belästigung Dritter hingeben wird. Selbstständig mussten sie alles in ihrem Leben bestreiten und für die letzten Meter galt dies erst recht.

Obwohl sie beide Familienmenschen waren, hatte das Leben eine andere Konstellation für sie bereitgehalten. Sie waren schon mit sechzehn aus der elterlichen Fürsorge entwachsen. Es war der Zwang der häuslichen Unterdrückung bei ihr, und der Gewalt bei ihm, dem sie entkamen. Und später ergaben sich auch mit der eigenen Nachkommenschaft von ihm etliche unverständliche Probleme. Seine Töchter, die er früh mit  anderen Frauen zeugte, wurden nie ein fester Teil seines Leben, wie sehr sie sich auch beide mühten. Ihr hatte eine frühe Fehlgeburt den Weg zum Kinderglück, dank brachialer Operationsmethoden, vermurkst. So war es leider Ihnen selbst nie vergönnt noch ein gemeinsames Kind zu bekommen. Sie akzeptierten dies, und wie zum Dank, gesellten sich immer wieder Ziehkinder aus befreundetem Kreis in ihr Leben. So konnten sie zwar nicht eigenen, aber vielen anderen oft eine wichtige Stütze sein. Diese Umgangsform brachte ihnen wiederum das Gefühl damit ihr Dasein sinnvoll erweitert zuhaben.

Seit sie sich ihre Wohnzimmer-Bar eingerichtet hatten, zelebrierten sie dort oft, die Freude, es geschafft zu haben. Sowieso war ihre Bar ein heiliger Ort, den wenn immer es von Nöten war, sie nutzten, um über all diese unerwarteten aufkommenden Unsäglichkeiten zu sprechen.

Er baute sie, weil er als empirischer Analytiker, eine Gabe die ihn seit Jugend an schärfte, und er durch seine Lebensart mit Empathie verstärkte, gespürt hatte, welche wichtige Anlaufstelle sie in ihrem Leben einnehmen würde. In der Zeit bei seinen Großeltern erlebte er, was es ausmachte sich Abends in den Erker zu setzen, auf die vorbeikommenden Schiffe zu achten und nebensächlich die Probleme des Tages bei einem guten trockenen Moselriesling zu erörtern. Er lernte sehr früh, was Kommunikation, in der richtigen Atmosphäre, bewirken kann. Von diese Empfindungen hatte er ihr oft genug erzählt. Diese Tradition wollte er mit ihr weiterführen.

Als die Beiden ihre berühmtes Barlokal, wegen seiner schweren Krankheit schließen mussten, war das Erste was er tat, so bald sein vermaledeiter Umstand es zuließ, aus altem Baustellenholz einen anspruchsvollen Tresen in ihr Wohnzimmer zu bauen. Eine Woche lang verwandelte er den Raum in eine Schreinerei und gestaltete alles um. Vor allem wusste er, dass dies keine Auftragsarbeit ist, wo er wieder mit Vorleistungen in die Miesen kommt, weil miese Investoren in prellten. Nein, dieser Treffpunkt sollte zu einem der wichtigsten persönlichen Stätten wachsen, die Berlin jemals erlebte – nur für sie und ihn. Seine Bar, klassisch und mit höchst möglichem Anspruch. Die, die er einst öffentlich betrieben hatte gehörte, laut Medien, immerhin zu den zehn Besten von Berlin, und nun baute er eine, die der Kritik lässig entgegenblinseln konnte, aber heimlich blieb. Sie stand den Veränderungen in der Wohnung erst sehr negativ gegenüber, doch war sie auch froh, dass er sich zum bezwingen der Erkrankung dieses Projekt vorgenommen hatte. Wie oft war sie in den letzten Monaten voller Furcht an seine Couch getreten, immer gefasst, das da ein toter Partner liegt. Seinen Lebenswillen hatte sie schon oft geschätzt, und nun gab sie ihm freie Bahn. Er hätte auch die Betten an die Decke nageln können, sie hätte ihn gewiss nicht daran gehindert.

Es schien auf das Ende der Bauarbeiten hinzuzugehen. Von ihrem Arbeitszimmer aus hatte sie mitbekommen, wie er Werkzeuge in der Kammer verstaute und mit Putzeimern hantierte. Während sie sich auf ihren Integrationskurs vorbereitete, atmetete sie erleichtertet durch und ein Grinsen schlich über ihr Gesicht. Als sie sich fertigmachte um zur Volkshochschule zugehen, fing er sie im Flur ab und sagte feierlich: „Mein Schatz ich  wäre so weit, jetzt dusche ich und dann mach ich mich Barkeeper schick und wenn Du zurück bist, werden wir unsere geheime Classicbar eröffnen. Nur für uns!“ er umarmte sie mit seinen dreckigen Bauklamoten und sie verschwand lächelnd aus der Wohnungstür.
 
Da jedoch beide Liebhaber von Dorethey Parker, Fitzgerald und ab und an auch von der Literatur Hamingways waren, blieb es nicht aus, dass so manche wilde Sause unter diesem Dach in Kreuzberg gefeiert wurde. Wenn sie Gäste einluden, hatten sie immer einen Plan. - Sowieso war eins ihre Lebenscredos: Jeder Anlass, Weg oder Tat, muss wenigstens zwei gute Ziele erfüllen, seinen sie auch noch so unbedeutend. - Bei diesen Parties führten sie gerne Künstler zusammen, die danach etwas neues hervorbrachten, ließen Wirtschaft auf Kultur treffen oder luden Veranstalter sowie Kritiker zu Themen ein. Bald dekorierten sich diese tollen Menschen mit ihren Bildnissen und Widmungen rund um den großen Barspiegel und dem beeindruckenden Rückbuffet, auf dem hochwertiger Alkohol sich ebenso schillernd präsentierte. Während jeder Feier ließ sie als Gastgeberin eine silberne Dose herumreichen und jeder konnte nach Laune einen Obolus entrichten. Erstaunlich daran war, dass die, die es sich leisten konnten soviel mehr gaben, so, dass die, die noch auf ihren Durchbruch hinarbeiteten, davon profitieren konnten. Wenn eine gewisse Summe erreicht war, verschwand diese kleine Schatzkiste stillschweigend.
Nicht die Vielzahl der Cocktails und Drinks oder das Barfood, was sie boten, standen je im Mittelpunkt, ihnen ging es immer darum das Menschen auf Menschen treffen, egal welcher Nationalität, Religion oder Geisteskind sie waren.

Jetzt war es ruhig geworden und die Feierlichkeiten in den Räumen minimal. Nicht die Lust fehlte, nein es war die Kraft. Oft saßen sie am Tresen und planten mal diese oder jene Veranstaltung, doch aus irgend welchen Gründen kam es dann immer seltener zu solchen freudigen Ereignissen. Mal sagten sie kurzfristig ab, weil er auf seine neuen Dritten Zähne gehofft hatte, diese aber dann nicht rechtzeitig da waren. Dann musste sie mal wieder drei Tage im Krankenhaus verschwenden. Er gab seine Galle ab und viele kleine Scharmützel des heranrauschenden Alters mussten ausgefochten werden. Es war kein Ärgernis für sie, sie hatten schon längst viele Namen von ihrer Gästeliste streichen müssen, sie waren sich immer bewusst, das irgendwann die letzte Party ansteht.

Als er eines Morgens aufstand und in die Küche ging, um die Kaffeemaschine einzuschalten, fand er einen Zettel neben dem Zettel auf dem „nur drücken“ stand. Er lass in stillschweigend. Dort stand: „Mein lieber Schatz, lass uns heute Nachmittag am Balkon, bei einem Deiner köstlichen Mojitos unser Party planen.“ Er nickte, drückte und schlenderte ins Bad. Dort blickte er, vor dem Spiegel stehend, sich tief in die Augen, betrachtete sein weißes Haar und die widerborstigen Bartstoppeln, über die er mit der Hand strich. Nach dem er frisch rasiert, sein Aftershave aufgetragen hatte blickte er sich erneut ausgiebig an. Dann grinste er und sagte laut zu sich: „Recht hat sie, dass machen wir.“ Zurück in der Küche kontrollierte er seinen Eiswürfelbestand, nahm zufrieden zwei Tassen aus dem Bord und schenkte sie voll, wie all die Jahre zuvor. Vorsichtig öffnete er die Schlafzimmertür und weckte sie mit dem duftendem Kaffee. Sie blinzelte ihn an. „Hast Du meinen Zettel gelesen?“ fragte sie ihn während sie leicht abhustete. „Ja, alles gut.“ antwortete er und fügte hinzu: „Genau so machen wir es.“

Am Balkon sahen sie sich erst eine Weile schweigend an. Es schien, als wollte keiner mit der Partyplanung beginnen. Dann unterbrachen sie gleichzeitig diese Ruhe. Er gab ihr den Vortritt, doch sie beharrte darauf, dass er nun reden möge. Er erhob das Mojitoglas und prostete ihr zu. „Zum wohl mein Schatz, wie oft haben wir hier gesessen und dieses Ritual für sämtliche Anlässe vollzogen? Welche schönen und traurigen Stunden haben wir hier erlebt? Ich glaube wir können guten Gewissens unseren Platz räumen.“ Sie lacht und meint frotzelnd: „Die GSW wird sich freuen, wenn sie endlich an unsere Wohnung kommen, die werden Champagnerflaschen köpfen und eine Woche lang feiern, das die alten Schwerenöter weg sind.“ „Hoffentlich öffnen sie einige gute Tropfen.“  fügt er zu. „Klar, Du kannst ihnen ja noch drei exklusive Kostbarkeiten auf den Küchentisch stellen.“ spottet sie und er pariert. „Genau, und Du schreibst einen Brief dazu.“ Nach einigem Geplänkel werden sie sachlich und jeder erfährt, welche Ideen sich der andere für diese ultimative Party ausgedacht hat.

Es war noch sehr früh und die Sonne hatte Berlin in ein wunderbares Sommerlicht getaucht. Während er sonst sie immer ausschlafen lies, war heute alles anders. Mit den Kaffees in der Hand schlich er ins Zimmer doch bevor er sie wie immer weckte, setzte er sich ruhig neben sie und betrachtete wie sie da so friedlich schlief. Wie schön sie für ihr Alter war. Vorsichtig streichelte er über die Wangen, die Augen und letztlich - zart über ihre Lippen. Sie genoss es, regte sich jedoch nicht. Das sind diese Momente, die nie enden sollten, wünscht man sich. Doch der Mensch ist ein Getriebener und kann ewig nicht verweilen. Ihre Lieder klappten sachte nach oben, und ihre trüben Augen blickten ihn an. Sie angelte sich ihr Handy und klickte auf den Kalender, 7. Juli. „Weißt Du was heute für ein Tag ist?“ sprach sie matt. Er nickte: „Wir haben noch viel vor und heute Abend feiern wir!“ „Genau!“ hüstelte sie. „Wir machen alles wie wir es geplant haben, erst gehen wir in den Viktoriapark und besuchen unser Luisenkätzchen und die Hunde. Dann fahren wir mit der Ringbahn einmal ganz herum.“ „Oh, da schau ich gleich mal in der BVG-App nach, nicht das wieder plötzliche Störungen oder Bauarbeiten sind und wir mit dem ollen Linienersatzverkehr fahren müssen.“ wirft sie ein. „Sieht gut aus. Gib mir mal eine Kippe.“ fordert sie. Er steckt zwei Zigaretten an und reicht ihr eine. „Seit wann rauchst Du vor dem Frühstück?“ fragt sie verwirrt. Er lacht: „Nur heute mein Schatz, mach Dir keine sorgen, das bringt mich nicht um.“ Beide lachen.

In der Küche bereiten sie ihre Budwig Creme, die sie seit Jahren immer etwas variieren. Für heute hatten sie sich dazu extra Malwina-Erdbeeren besorgt. Danach duschten sie sich und machten sich fertig. In all ihren langen gemeinsamen Jahren, waren sie nur dreimal so früh zusammen in den Park gegangen. Immer eine Schaufel und eine Schachtel mit einem ihrer Tiere im Gepäck.

Nach dem sie bei den Stätten ihres verstorbenen Rudel waren, zeigte er ihr ihren Platz. Schon Wochen vorher hatte er sich mit einer Gärtnerkluft  verkleidet an dieser Stelle zu schaffen gemacht. Früher wäre das eine Aktion von wenigen Stunden gewesen, doch nun dauerte es erheblich länger, aber es war vollbracht. Sie standen unter einigen großen Bäumen die von Büschen umwachsen waren und sie sah nichts. Er bückte sich und zog leicht an einem Stück Schnur und fragt: „Siest Du? Da drunter ist unser Versteck.“ „Dafür, dass Du nie bei der Bundeswehr warst, ist das ja super geworden.“ lächelt sie.
Langsam schleppen sie sich die Stufen zum Kreuzberg hoch und oben angekommen sehen sie bedächtig über ihr Berlin. Wehmut liegt in ihren Gesichtern, doch als sie es gegenseitig bemerken lächeln sie sich zu und umarmen sich. „Hey, es soll heute Abend noch eine tolle Party geben, extra für uns.“ flüstert er ihr ins Ohr. Sie blickt ihn fest an und fragt: „Willst Du das wirklich?“ „Ja, mein Schatz, oder glaubst Du, Du kannst mir mit der janzen Scheiße alleene lassen?“ flüstert er zurück. Sie nehmen sich feste an den Händen und setzen ihren Weg zum Platz der Luftbrücke fort. Mit der U-Bahn fahren sie nach Tempelhof und steigen in die S-Bahn. Sie waren sich sofort einig dass sie die Ringbahn gegen den Uhrzeigersinn fahren, schließlich war sie ein geborener Wessi und deswegen erst durch den Osten und dann uff die sichere Seite. „Wie viele Menschen leben heute in dieser Stadt, für die es nie eine Mauer gegeben hat, für die solche Erfahrungen nie relevant waren. - Ist doch verrückt, wie bescheuert wir Menschen sein können.“ sinniert sie. „Wohl war mein Schatz, aber mit den Themen brauchen wir jetzt nicht mehr anfangen, sonst fällt unsere Feier ins Wasser. Und wenn wir doch eines kapiert haben, jeder kocht sein Süppchen weiter, und wir, wir löffeln schon lange nicht mehr mit.“ antwortet er energisch. „Ausnahmsweise gebe ich Dir recht, den Tag lassen wir uns nicht verdrießen. - Weißt du noch wie wir früher – ach quatsch, olle Kamelen.“ gab sie zum Besten und lächelte.

Nach einer doch emotionaleren Stadtrundfahrt, wie sie es sich vorgestellt hatten, waren sie erschöpft in ihrer Wohnung zurück. Nach dem sie eine Stunde geruht hatten läuteten ihre iPhones. Beiden machten sich auf in die Küche und bereiteten ein mehr gängiges Menü zu. Während dessen genossen sie einen Kochwein, eine der letzten zwei Flaschen ihres Lieblingsweins, einem Riesling aus dem Raum Trier, dessen Winzer schon lange keinen Tropfen mehr kelterten. Im Wohnzimmer deckten sie zusammen den großen Tisch elegant ein.

Sie, als ehemalige Rias und Dlf Radioredakteurin, hatte auf ihrem Mac eine Playlist mit all ihren und seinen Songs erstellt, die sich nun abspielten. „Wann hast Du denn die erstellt?“ fragte er neugierig. „Immer wenn Du im Park warst. Eine letzte Überraschung.“ erwiderte sie leise keck. „Und wie lange geht die?“ wollte er wissen. Sie noch kecker: „Da mach dir mal keine Sorgen, bis wenigstens zum Jüngsten Tag.“ Dabei funkelten ihre Augen, wie er es schon ewig nicht mehr bei ihr gesehen hatte. Sowieso war sie heute mental topfit, für ihre Verhältnisse. Mit jedem Schluck des guten Rieslings, fiel auch die Anspannung. Dieser Teil des Plans schien aufzugehen.

Vor der  Vorspeise, die aus lauter leckeren italienischen und arabischen Amuse-Gueules bestand, kredenzte er ihnen erst einen Campari-Soda. Dann schenkte er die letzte Flasche des Moselweines ein. Und vor dem Schweinebraten mit Klößen gab es Negroni als Aperitif. Zum Braten tranken sie ein helles Hefeweizen, wie es in Bayern für sie typisch war.

Das Bier machte ihnen derart Freude, dass er noch mal hinunter musste, um neues beim Späti nebenan zu holen. Sie verlangte auch, dass, wenn er schon auf die Gasse geht er doch noch den Beutel mit der Post mitnehmen und einwerfen solle, dann wäre auch das erledigt.

All die Jahre, war sie es die sich um die unangenehmen Briefe von Ämtern, Behörden, Versicherungen und derlei Gesoxe kümmerte. Er half ihr zwar gerne, aber sie verzichtete lieber, da es sonst noch länger dauern würde. Sie war routiniert im Umgang mit den Wirren die ihnen abverlangt wurden. Oft war allein der Text dieser Schreiben für ihn nicht nachvollziehbar, und erst recht nicht, begriff er, warum überhaupt die sich andauernd meldeten. Sie war die Chefin, sie hatte es im Griff, und sie hatte auch alle wichtigen letzten Papiere, Formulare etc. erstellt. Er musste nur ab und an unterschreiben. Das langte ihm.

So trottete er nun mit diesem lebenswichtigen Stoffbeutel erst zum Briefkasten, dann zum Späti. Der Betreiber kannte sie seit dem Tag seiner Eröffnung, die wenigstens 35 Jahre zurücklag. Er holte vier gutgekühlte Hefeweizen und ging zum Tresen. „Was ist los mein Freund? Warum nur vier? Du doch immer sechs kaufen!“ lachte der Türke. „Ja, ich weiß, aber heute reichen vier.“ stotterte er, der sonst so resolut war. „Na, gut mein Freund wenn Du das so willst. - Brauchst Du Tüte?“ „Nein! Nie, das weißt Du! Außerdem habe ich einen Beutel dabei.“ antwortete er jetzt wieder gefasst. „Ja ich weiß, Du noch nie Tüte, aber ich trotzdem fragen, das ist höflich!“ Er legte das Geld passend auf den Tresen und meinte: „Deinen Führerschein, hast Du ihn wieder?“  „Oh sei mir ruhig, die Schw... geben ihn mir nicht mehr, die sind so …,ach Du weißt selber wie, solche sind.“ erregte sich der Ladenbesitzer. Mit mitfühlendem Blick sagte er zum Abschied: „Schade, ich drücke Dir trotzdem die Daumen. Tschüss.“ „Das ist auch höflich, danke mein Freund.“ rief der nun wieder lachende Türke noch hinterher.

Sie hatten sich wirklich jeder beide Biere einverleibt, und genossen am Balkon die Spätsonne, die nun langsam hinter den Dächern der Nachtbarhäuser verschwand. „So mein Lieber, ich werde jetzt Minze zupfen, und während Du uns jetzt zwei Mojitos machst, gieße ich nochmal die Blumen.“ teilte sie ihm freundig mit. Er gehorchte und lief einige Male zwischen der Bar und Küche hin und her. Leicht zitternd nahm er das Messer und schnitt die Limetten am Tresen. Er warf die kleinen Stücke in die zwei Tumbler. Sie brachte die Minze, teilte die Blätter auf und er gab den Zucker dazu.  Er stößelte mit seinem Muddler kräftig bis der Saft aus den Limetten hoch stieg. Obenauf setzte er nun sein kleingeklopftes Eis. Bedächtig nahm er die Rumflasche und goss den Inhalt über das Crashed Ice. Mit seinem Barlöffel mischte er die Ingredienzen ordentlich durch und löschte die Drinks mit einem Schuss Mineralwasser ab. Nach dem er alles dekoriert, die Strohhalme hineingesteckt hatte, servierte er die Drinks am Balkon. Sie hatte Servietten vorbereitet, die sie immer noch aus ihrer aktiven Barzeit besaßen, versehen mit dem Logo ihres einst so stolzen Ladens.

Sie waren schon beide gut angetrunken als sie vom Balkon an ihre Wohnzimmerbar umzogen. Zuvor jedoch hatten sie sich beide noch einmal umgezogen. Elegant wie schon ewig nicht mehr, nahm sie am Tresen platz und er stellte sich dahinter. „Mylady, einen Daiquiri wie immer?“ fragte er galant und nahm den Mixbecher in die Hand. Sie sah in schalkhaft an und nickte: „Und Mylord einen Whiskey Sour, wenn ich mich nicht irre.“ „Selbstverständlich meine Beste.“ gab er zu. Er gab alle Zutaten in die Mixgläser, verschloss sie und begann zu mixen. Da hielt er plötzlich inne und lachte laut los: „Mein Schatz, weißt Du noch, wie ich früher oft sagte, irgend wann bin ich derart Alt, dass ich so klapprig bin, dass wenn ich shaken will, nur den Becher in die Hand nehmen muss und dann shakt er sich alleine, weil ich so zittern werde.“ „Tja, irren ist Menschlich, alt und unangenehm krank sind wir geworden, aber weder zittern wir, noch hat uns je der Geist im Stich gelassen.“ sagte sie stolz.

Dann folgte ein Bishop, ein Cosmopolitan, ein Journalist und dann der ultimative Manhattan. Aus den Boxen tönte Hildegard Knefs Rote Rosen. Er nahm sie sachte in den Arm und sie tanzten dazu, wenn auch nicht mehr mit dem Schwung von früher. Es genügte ihnen. Sowieso, wenn sie in dieser Stimmung waren, genügten sie sich immer. Wie oft hatten sie es vorgezogen lieber nach Hause zu gehen, als mit Leuten in einem Laden zu sitzen, schlechte Drinks zu bezahlen und eventuell zum Rauchen sich vor die Tür verweisenzulassen.

Nach dem Lied verschwand sie in der Küche und kam mit einem großen Rosenthalteller, auf dem sie ihr Lieblingsbarhäppchen angerichtet hatte, Schnecken.
Lächenlnd und zufrieden stellte sie die Platte am Treseneck mit folgenden Worten ab. „So, jetzt möchte ich einen Last Word bevor wir diese Speise essen.“ „Sind das die Schnecken für den Weg?“ fragte er beiläufig. Sie nickte. „Also, wenn mein chemisches  Wissen mich nicht betrogen hat, dann haben wir, nach diesen Teilen noch zirka eine Stunde Zeit, um zum Versteck zu kommen.“ sprach er schon etwas lallend. „Du hast Chemie studiert, ich verlass mich auf Dich!“ erwiderte sie fest. „Gut, dann mixe ich uns erst noch zwei Long Island Ised Teas für den Weg, bevor ich die Last Words zubereite. Ist das okay?“ „Ich weiß aber nicht, ob ich den dann überhaupt noch schaffe!“ stammelte sie. Er lachte: „Es wird schon schief gehen und außerdem bin ich ja auch noch da, und ich trink dann deinen schon leer.“ Die großen Becher waren fertig und er nahm die Kristallschalen für die Klassiker. Er setzte sich neben sie. Beide blickten sich tief in die Augen und prosteten sich zu. Dann griffen sie nach den Schnecken. „Wow, die sind echt lecker, ich hätte gedacht, dass man die Tabletten und anderen Zutaten deutlich herausschmecken würde.“ freute er sich. „Ich habe extra noch andere Gewürze zugegeben um dass zu vermeiden.“ flüsterte sie. „Allein wegen deinen Kochkünsten hatte ich mit dir, die beste Frau meines Lebens, an meiner Seite.“ lachte er weiter. „Ja, wir hatten großes Glück miteinander - du hast auch immer viel gekonnt.“  warf sie ein. „Stimmt ganz untauglich war ich wirklich nicht, und zusammen waren wir schier unschlagbar. Alle Probleme haben wir immer gelöst, und trotz des vielen unnötigen Ärgers hatten wir eine verdammt gute Zeit.“ stellte er fest. „Stimmt, wir haben immer gekämpft, um das beste aus allem zu machen - dafür wurden wir vielleicht belohnt!“ sprach sie nachdenklich den Kopf wiegend. Leicht schwankend ging sie zu ihrem Mac und klickte in die Playliste und fuhr die Lautstärke kräftig nach oben. Amy Winehouse durchdrang den Raum. Sie tanzte für sich. Er betrachtete alles und steckte die letzte Schnecke in den Mund.

Von seinem Schreibtisch holte er sein Handy und seinen kleinen Bluetooth-Lautsprecher. Sie zogen sich ihre Jacken an. Dann nahmen sie zusammen den letzten Schluck am Tresen. „Last Word ist ein guter Drink um die Bar zu schließen.“ murmelte er. „Genau!“ sagte sie aufgekratzt. Er angelte sich noch die zwei Long Island Ised Teas über das Barblatt und sie verließen die Wohnung.

Unter auf der Straße merkten sie erst, wie besoffen sie waren, was sie in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. „Pssst, nicht so laut, nicht dass wir noch von der Polizei verhaftet werden!“ mahnte er, worauf beide erst recht lachten. Als sie den Mehringdamm unterhalb des Platzes der Luftbrücke überquerten, waren sie ruhig geworden. Immer fester hielten sie sich aneinander fest, immer langsamer wurden ihre Schritte. Immer noch saugten sie an ihren Drinks, hielten inne um eine neue Zigarette anzustecken.

Es war geschafft, sie hatten ihr Ziel erreicht. Dreimal rutschte er aus und landete im Dreck, bevor er die Bodenklappe geöffnet hatte. Doch dann moserte sie: „Du kannst ja machen was Du willst, aber in das Loch leg ich mich nicht!“ „Aber ...“ staunte er. „Nichts aber, ich will zur Säule.“ sagte sie weinerlich. „Okay, okay mein Schatz, es ist ja ehe egal, lass uns hochklettern.“ beschwichtigte er und nahm sie fest unter die Arme, um ihr hoch zu helfen. Der Anstieg fiel beiden richtig schwer, doch mit letzter Kraft schafften sie es.

Oben vor der Säule setzten sie sich, mit dem Blick gegen Norden, an den Fuß der Statue. Überall glitzerten die Lichter der Nacht, und am Himmel setzten sich vereinzelt Sterne gegen die Stadtbeleuchtung durch. Er startete Pink Floyds Darkside of the Moon auf seinem iPhone, und zündete sich eine Zigarette an. „Ich liebe Dich.“ sagte sie schwach und blickte, an seiner Seite eingekuschelt, zu ihm hoch. Er blickte ebenso ermüdet zu ihr runter und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich Dich auch, und danke für dieses schöne Leben.“ Er küsste sie noch auf den Kopf, doch sie schlief schon. Es klang das Klingeln und Läuten aus dem Lautsprecher und aus der weite hörte er noch einen Hubschrauber kommen. Dann schlief auch er.
Ob wohl schon um 5 Uhr morgens die ersten Jogger umher geisterten, und der Besuchsverkehr deutlich zunahm, dauerte es bis 10 Uhr, als man die beiden als Tote war nahm.
So ineinander gekauert wie die Beiden dort saßen, mit ihren glücklichen, entspannten Gesichtern, hatte sich wohl keiner getraut dieses alte Liebespaar zu wecken. Erst als sich ein größerer Kreis Schaulustiger gebildet hatte, die stillschweigend anscheinend darauf warteten, das die beiden Schlafenden aufwachen, wagte es erst eine ältere Krankenpflegerin vom Stankt Josephs Krankenhaus, an sie heranzutreten und den Puls zu fühlen. So stand es jedenfalls am nächsten Tag in der Berliner Zeitung.

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